Der unbequeme Fakt
Ein Grossteil des Polysiliziums, aus dem die Solarzellen weltweit gefertigt werden, stammt aus der Provinz Xinjiang in China — dem Siedlungsgebiet der Uiguren. Mehrere internationale Recherchen, unter anderem der Sheffield Hallam University im Bericht «In Broad Daylight: Uyghur Forced Labour and Global Solar Supply Chains», dokumentieren, dass ein erheblicher Teil dieser Produktion in sogenannten Determination Facilities stattfindet — Einrichtungen, die offiziell laut chinesischer Regierung gar nicht existieren, aber faktisch unter Bedingungen betrieben werden, die international als Zwangsarbeit klassifiziert sind.
Das ist keine Einzelmeinung. Dieselben Befunde liegen US-Sanktionen gegen mehrere chinesische Polysilizium-Hersteller zugrunde (Uyghur Forced Labor Prevention Act, 2021), und mehrere westliche Modulhersteller haben Lieferketten-Audits bei sich selber durchgeführt, weil die Frage offen im Raum steht.
Heisst konkret: Wenn du irgendwo den günstigsten Solarmodul-Anbieter wählst, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du — ungewollt und ohne explizite Information — ein Produkt kaufst, dessen Rohstoff aus dieser Quelle stammt.
Warum das in der Branche selten thematisiert wird
Solar ist eines der grössten Hoffnungsthemen der Energiewende. Das Narrativ «Solar = nachhaltig» ist so ständig präsent, dass die Frage nach der konkreten Lieferkette schnell als Bremserei abgetan wird. Wer das Thema anspricht, klingt schnell, als würde er gegen Solar an sich argumentieren — obwohl es genau das Gegenteil ist.
Hinzu kommt: Polysilizium ist ein Massenprodukt. Wer Module mischt, wer welches Glas, welche Zelle, welche Lamellierung verwendet — das ist für den Endkunden praktisch nicht rückverfolgbar. Das macht es auch für Installateure einfach, das Thema zu übergehen.
Was wir bei Solarmaa machen
Wir wählen unsere Module bewusst aus — nach drei Kriterien:
1. Europäische oder anderweitig dokumentierte Lieferkette. Module von Herstellern, die ihre Polysilizium-Quelle offenlegen und nach Branchenstandards auditieren. Beispielsweise Meyer Burger, ein Schweizer Hersteller, der seit dem Comeback 2020 europäische Wertschöpfung priorisiert.
2. Drittanbieter mit ESG-Auszeichnungen. Wenn keine reine «europäische Kette» verfügbar ist, wählen wir Hersteller, die durch unabhängige Stellen auditiert sind. Aiko zum Beispiel hat den ESG Sustainability and Transparency Award 2023 gewonnen — das ist mehr als ein Marketing-Label.
3. Fairtrad und Ökologie als gleichwertige Kriterien. Bei sonst gleichen Daten (Leistung, Garantie, Preis) gewichten wir die Lieferkette mit. Manchmal heisst das, dass ein Modul ein paar hundert Franken teurer ist — aber das ist ehrlich kommuniziert in der Offerte.
Was das für deine Anlage konkret heisst
Wenn du bei uns eine Solaranlage planst, bekommst du das nicht automatisch erklärt — weil viele Kund:innen das gar nicht wissen wollen. Wir thematisieren es aber, sobald jemand fragt. Und wir bauen — unabhängig davon, ob du fragst — nur Module ein, bei denen wir uns die Lieferkette zumindest ansatzweise erklären können.
Konkret bedeutet das: Du zahlst für eine Solarmaa-Anlage tendenziell ein bisschen mehr als bei einem Anbieter, der einfach das günstigste verfügbare Modul verbaut. Dafür hast du eine Anlage, bei der die ökologische und ethische Bilanz nicht nur im Stromertrag stimmt.
Unser Standpunkt: Eine Solaranlage soll Teil der Lösung sein — nicht das Problem ein Stück weiter verschieben. Wer wegen 500 CHF Differenz beim Modul am Schluss Material aus Zwangsarbeit auf seinem Dach hat, hat aus unserer Sicht etwas Wichtiges übersehen.
Wenn du tiefer einsteigen willst
Eine empfehlenswerte erste Lektüre ist der Bericht der Sheffield Hallam University «In Broad Daylight: Uyghur Forced Labour and Global Solar Supply Chains». Der ist auf Englisch, aber gut lesbar und mit konkreten Belegen versehen. Auch die Berichterstattung von SRF Investigativ und der Weltwoche zum Thema gibt einen guten Überblick über die Schweizer Perspektive.
Wir empfehlen explizit nicht, dass du jetzt panisch wirst und kein Solar mehr in Erwägung ziehst. Solar ist und bleibt ein zentraler Baustein der Energiewende. Aber: Wenn du eine Anlage baust, lohnt es sich, beim Installateur explizit nachzufragen — woher kommen die Module, wo sind die Zellen gefertigt, gibt es Lieferketten-Transparenz?
Du erkennst dich wieder?
Falls du dich gerade fragst, ob die Anlage, die du planst (oder schon hast) Module aus solchen Quellen enthält: Wir schauen uns das mit dir an. Schick uns die Modul-Bezeichnung, dann können wir dir zurückmelden, was über den Hersteller bekannt ist und welche Optionen es gäbe.
Anhang: Die wichtigsten Begriffe
Polysilizium
Der Grundstoff, aus dem Solarzellen gefertigt werden — hochreines Silizium in stabiler kristalliner Form. Wird zu dünnen Wafern geschnitten, die dann zu Solarzellen weiterverarbeitet werden.
Xinjiang
Region im Nordwesten Chinas, mehrheitlich von der uigurischen Minderheit besiedelt. Beheimatet einen Grossteil der weltweiten Polysilizium-Produktion sowie weitere Schlüsselrohstoffe der Solarbranche.
Determination Facilities
Internationale Bezeichnung für die Einrichtungen in Xinjiang, in denen — nach Befunden internationaler Medien und NGOs — Uigur:innen unter Bedingungen arbeiten, die als Zwangsarbeit klassifiziert sind. Existenz dieser Einrichtungen wird von der chinesischen Regierung bestritten.
Fairtrad und ESG
Sammelbegriffe für Auditierungs-Standards, die ökologische, soziale und Governance-Kriterien in Lieferketten prüfen. ESG = Environmental, Social, Governance.
Häufige Fragen zum Thema
Sind alle chinesischen Solarmodule problematisch?
Nein. Mehrere chinesische Hersteller produzieren mit transparenten Lieferketten und auditieren sich extern. Das pauschale «chinesische Module sind schlecht» ist falsch. Es geht um die spezifische Polysilizium-Quelle und um den Hersteller, nicht um das Herkunftsland.
Warum sagt der Markt das nicht laut?
Weil's gerade gut läuft. Solar wächst weltweit in Rekordtempo, die meisten Akteur:innen wollen das Momentum nicht mit «komplizierten» Themen ausbremsen. Was nicht heisst, dass das richtig ist — nur, dass es so ist.
Macht das den Modulpreis viel teurer?
Bei einer typischen 10-kWp-Anlage reden wir von einer Differenz von 1–3 % der Gesamtkosten. Konkret 500–800 CHF auf einer Anlage von 25–30'000 CHF. Das ist nicht nichts, aber es ist auch nicht viel — verglichen mit dem, was die Anlage über 30 Jahre einbringt und mit dem, was du dafür bekommst.
Hat eine «saubere» Anlage technische Nachteile?
Nein. Hersteller wie Meyer Burger bauen mit Heterojunction-Technologie inzwischen Module, die etwas mehr Ertrag liefern als Standard-Module. Aiko hat mit ihrer Rückseiten-Verdrahtung mehr aktive Oberfläche und weniger Verschattungs-Verlust. Die Premium-Auswahl ist nicht die schlechtere Anlage — oft im Gegenteil.
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