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PRAXISWISSEN

Saubere Solarmodule: Welche Hersteller sind 2026 wirklich frei von Zwangsarbeit?

Vor fünf Jahren war «Solar = sauber» kaum hinterfragbar. Heute wissen wir: Ein Grossteil der weltweiten Polysilizium-Produktion stammt aus Xinjiang – dem Siedlungsgebiet der Uiguren – und ist mit dokumentierter Zwangsarbeit verbunden. Was sich seither geändert hat, wo wir 2026 stehen, und welche Module du tatsächlich mit gutem Gewissen kaufen kannst.

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Wie ist die Lage 2026?

Die Hoffnung, dass sich das Problem mit der Zeit von selber löst, hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil: Fünf UN-Sonderberichterstatter haben im Januar 2026 «grave concern» über anhaltende Zwangsarbeit in der Uiguren-Region ausgedrückt — mit dem Hinweis, dass die Schwere in einigen Fällen Verbrechen gegen die Menschlichkeit (Zwangsumsiedlung, Versklavung) erreichen könnte.

Was sich seit der Sheffield-Hallam-Studie 2021 verändert hat:

  • Massenlager weichen gezielten «Labour Transfers». Statt der grossen Internierungslager dominieren heute staatlich gesteuerte Arbeitstransfer-Programme. Bis Ende 2025 dokumentierte China selber 3.4 Millionen Transfer-Vorgänge. Der Fünfjahresplan 2021–2025 von Xinjiang sah 13.75 Millionen Labour-Transfer-Instanzen vor.
  • Bis zu 2'000 Meilen Verfrachtung. Eine Untersuchung von Mai 2025 zeigte, dass uigurische Arbeitskräfte bis 2'000 Meilen aus ihrer Heimatregion in andere chinesische Provinzen versetzt werden — oft ohne realistische Möglichkeit zur Rückkehr oder Verweigerung.
  • Über 500'000 in Haft. Laut einem US-Holocaust-Museum-Bericht 2025 sitzen weiterhin mehr als eine halbe Million Menschen in formellen Gefängnissen oder ausserrechtlichen Anhaltungen.
Der Bericht, der alles auslöste: «In Broad Daylight — Uyghur Forced Labour and Global Solar Supply Chains» von Laura T. Murphy und Nyrola Elimä (Sheffield Hallam University, 2021) hat die Verbindung zwischen Xinjiang-Polysilizium und der globalen Solarindustrie erstmals lückenlos dokumentiert — von der Quartz-Mine bis zum fertigen Modul. Wer verstehen will, worauf sich dieser Artikel stützt, liest das Original: Bericht als PDF (englisch, 69 Seiten) · Publikationsseite der Sheffield Hallam University

Heisst: Die Situation hat sich nicht entspannt. Sie hat sich nur verlagert — von gut sichtbaren Lagern zu schwerer fassbaren Transfer- und Überwachungssystemen.


Was hat sich in der Solar-Branche getan?

UFLPA — das US-Importverbot

Das Uyghur Forced Labor Prevention Act (UFLPA) ist seit Juni 2022 in den USA in Kraft. Es kehrt die Beweislast um: Alle Waren, die ganz oder teilweise in Xinjiang hergestellt wurden, gelten als Produkte von Zwangsarbeit — ausser der Importeur kann eindeutig das Gegenteil belegen.

Bilanz nach gut drei Jahren: Solarmodule sind die mit Abstand am stärksten betroffene Produktkategorie. Halbleiter-Komponenten (zu denen Solarzellen zählen) machten mit 3.26 Mrd. USD 82 Prozent des gesamten gestoppten Importvolumens unter UFLPA aus. 2025 ist die Vollzugsintensität allerdings unter der Trump-Administration um über 80 Prozent eingebrochen.

EU-Lieferketten-Regulierung

Auch die EU hat seit 2024 schrittweise eigene Lieferketten- und Zwangsarbeit-Regulierungen eingeführt. Die Regulierung wirkt auf Importeure und Hersteller, die in der EU verkaufen — was die Schweiz mittelbar mitbetrifft.

Sheffield-Update «Over Exposed» 2023

Die Sheffield-Hallam-Forscher:innen haben ihren Erstbericht 2023 mit «Over Exposed» ergänzt. Kernbefund: Der Anteil von Xinjiang-Polysilizium ist von 45 Prozent (2020) auf 35 Prozent (2022) gefallen. Aber: Die Transparenz über Lieferketten ist parallel ebenfalls gesunken. Hersteller geben weniger preis als früher — möglicherweise um Risiken zu kaschieren statt sie wirklich auszuschliessen.

Industrie-Selbstverpflichtungen

175 Solar-Unternehmen haben einen SEIA-Pledge gegen Zwangsarbeit unterzeichnet. Die Solar Stewardship Initiative (SSI) hat ein ESG-Zertifizierungssystem aufgebaut, mit Audit bis zur metallurgischen Silizium-Produktion (Silber) bzw. bis zur Quartz-Mine (Gold). Bisher sind aber nur wenige Hersteller-Werke vollständig zertifiziert — darunter zwei Werke des chinesischen Marktführers Trinasolar, was im Markt kontrovers diskutiert wird.


Welche Module gelten 2026 als sauberer?

Eine Vorbemerkung: «Zu 100 % sauber» gibt es bei Polysilizium-basierten Modulen nicht. BloombergNEF-Analystin Jenny Chase sagte schon 2021: «Any silicon-based solar panel may have at least a small amount of Xinjiang silicon». Was es gibt: deutlich weniger Risiko und nachvollziehbarere Lieferketten.

SoliTek (Litauen)

Unsere aktuelle Hauptempfehlung. Produktion in Vilnius/Litauen mit 250 MW Jahreskapazität, 100 % erneuerbarer Strom, traceable supply chain. SoliTek hat als einziger Modulhersteller weltweit den Cradle-to-Cradle-Gold-Standard erreicht — das ist die strengste Nachhaltigkeits-Zertifizierung auf dem Markt. CO₂-Bilanz: 0.04 kg pro kW — etwa 400-mal niedriger als der Marktdurchschnitt von 16.5 kg/kW.

First Solar (USA)

Die einzige in der Sheffield-Studie gelistete Marke, die fundamental ausserhalb der Polysilizium-Lieferkette steht: First Solar nutzt Cadmium-Tellurid-Dünnschicht-Technologie, kein Polysilizium. Für Eigenheim-Anwendungen in der Schweiz wirtschaftlich selten erste Wahl, aber technisch und ethisch eine eigene Liga.

OCI / Mission Solar (Korea/USA)

OCI hat seine Polysilizium-Produktion 2020 von Korea nach Malaysia verlagert. Die Tochter Mission Solar produziert Module in San Antonio, Texas. Keine bestehende Xinjiang-Verbindung dokumentiert.

Wacker / Hemlock / REC Silicon

Westliche Polysilizium-Hersteller (Deutschland, USA, Norwegen). Zusammen ca. 15 Prozent der weltweiten Polysilizium-Produktion. Wacker Chemie bleibt der grösste — mit kleiner Restfrage zur Quartz-Quelle (Hoshine).

Hanwha Q CELLS — nicht mehr unstrittig

Die Sheffield-Studie 2021 hatte Hanwha Q CELLS noch als saubere Alternative aufgeführt. Inzwischen ist die Firma in mehreren Berichten kritisiert worden, weil ihre tatsächliche aktuelle Lieferkette nicht offen dokumentiert ist. Wir empfehlen Hanwha 2026 deshalb nicht mehr ohne separate Lieferketten-Prüfung.

Aiko (China, ESG-zertifiziert)

Chinesischer Hersteller, der den ESG Sustainability and Transparency Award 2023 gewonnen hat. Aiko ist nicht in Xinjiang ansässig und auditiert seine Lieferkette extern. Wir setzen Aiko ein, wenn die technische Anforderung (Rückseiten-Verdrahtung, Verschattungs-Toleranz) zentral ist.


Was wir bei Solarmaa konkret empfehlen

Für typische Eigenheim- und Gewerbeanlagen in der Region Biel und Seeland:

  • Erste Wahl: SoliTek — echte EU-Produktion, Cradle-to-Cradle-Gold, niedrigster CO₂-Fussabdruck der Branche.
  • Ergänzung: Aiko — wenn Verschattungs-Optimierung oder besonders dezente Optik wichtig sind.
  • Spezialfall: First Solar — wenn du fundamental ausserhalb der Polysilizium-Lieferkette einkaufen willst (selten für EFH).

Was wir aktuell nicht empfehlen: die typischen Discount-Module von Herstellern, die ihre Lieferkette nicht ehrlich offenlegen. Das günstigste Modul am Markt ist statistisch sehr wahrscheinlich mit Xinjiang-Polysilizium hergestellt — auch wenn die Marketing-Broschüre das nicht sagt.

Mehr Hintergrund:


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Anhang: Die wichtigsten Begriffe

UFLPA (Uyghur Forced Labor Prevention Act)

US-Gesetz, seit Juni 2022 in Kraft. Verbietet den Import sämtlicher Waren aus Xinjiang in die USA — ausser der Importeur kann eindeutig nachweisen, dass keine Zwangsarbeit beteiligt war. Führte zu mehrjahres-Importsperren für ganze Lieferungen mehrerer chinesischer Solarmarken.

Solar Stewardship Initiative (SSI)

Industrie-Zertifizierungs-System mit zwei Stufen: Silber (Audit bis zur metallurgischen Silizium-Produktion), Gold (Audit bis zur Quartz-Mine). Eines der wenigen Tools, mit dem ein Hersteller heute glaubhaft seine Lieferkette dokumentieren kann.

Cradle to Cradle

Strengste Nachhaltigkeits-Zertifizierung weltweit. Prüft Materialgesundheit, Wiederverwertbarkeit, Energie-/Wasser-Footprint und soziale Fairness in der Produktion. SoliTek ist der einzige Solarmodul-Hersteller mit dem Gold-Standard.

Labour Transfers

Staatlich gesteuerte «Arbeitstransfer»-Programme in China, bei denen uigurische Personen aus ihrer Heimatregion in andere Provinzen oder Industrieparks zwangsversetzt werden. Offiziell als «Armutsbekämpfung» deklariert, in der Praxis von UN-Stellen als Zwangsarbeit klassifiziert.

Dünnschicht-Technologie

Alternative zur klassischen kristallinen Silizium-Solarzelle. Module von First Solar nutzen Cadmium-Tellurid (CdTe) und kommen ohne Polysilizium aus. Für Eigenheime selten wirtschaftlich, aber für grosse Freiflächen-Anlagen relevant.


Häufige Fragen

Sind alle chinesischen Solarmodule problematisch?

Nein. Aiko zum Beispiel produziert ausserhalb Xinjiangs und ist ESG-zertifiziert. Es geht nicht um das Herkunftsland, sondern um die spezifische Polysilizium-Quelle und die Transparenz der Lieferkette.

Sind SoliTek-Module wirklich «Xinjiang-frei»?

SoliTek dokumentiert eine Cradle-to-Cradle-Gold-zertifizierte Lieferkette und produziert ausschliesslich in der EU mit 100 % erneuerbarer Energie. Das ist der höchste verfügbare Transparenzgrad am Markt.

Was ist mit der UFLPA — betrifft das die Schweiz?

Direkt nicht (US-Gesetz). Aber mittelbar: Module, die nicht in die USA dürfen, werden häufig nach Europa umgeleitet. Die EU hat seit 2024 eigene Lieferketten-Regulierung in Kraft — die wirkt auf alle, die in der EU verkaufen.

Wie viel mehr kosten saubere Module?

Auf eine 10-kWp-Anlage gerechnet typisch 500–1'000 CHF Aufpreis — 1–3 % der Gesamtinvestition. Verglichen mit 30 Jahren Anlagenlaufzeit und der ethischen Bilanz ein überschaubarer Mehraufwand.

Kann ich bei meiner bestehenden Anlage erkennen, woher die Module kommen?

Auf dem Modul-Datenblatt steht der Hersteller. Mit Hersteller plus Modell kannst du über die SHU-Lieferketten-Berichte oder die SSI-Zertifizierungs-Datenbank herausfinden, wie der Hersteller heute aufgestellt ist. Wir helfen dir gerne dabei.

Lohnt sich der Wechsel auf saubere Module später, wenn ich jetzt schon kaufe?

Ein Modulwechsel allein wegen der Lieferkette rechnet sich praktisch nie — Module zu tauschen ist aufwendig und teuer. Genau deshalb ist die Entscheidung beim Erstkauf so wichtig.

Du erkennst dich wieder?

Eine kurze Erstabklärung kostet nichts und gibt dir Klarheit, ob ein ZEV-Umbau für dich Sinn ergibt.

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