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PRAXISWISSEN

FlexPV50 in Biel: Was der Einspeisedeckel wirklich bringt

Der Energie Service Biel/Bienne zahlt 2 Rappen mehr pro eingespeiste Kilowattstunde, wenn du deine Einspeisung auf die Hälfte begrenzt. Klingt nach einem schlechten Geschäft. Wir haben eine Anlage im Museumsviertel, die es gemacht hat, mit vier Jahren Messdaten davor und danach.

Solaranlage auf einem Kiesflachdach in Biel, im Hintergrund die Altbauten des Museumsviertels

Der Energie Service Biel/Bienne bietet ein Produkt an, das auf den ersten Blick wie ein schlechter Deal klingt: Du begrenzt die Einspeiseleistung deiner Solaranlage freiwillig auf die Hälfte, und dafür bekommst du 2 Rappen mehr pro eingespeiste Kilowattstunde. Es heisst FlexPV50.

Die naheliegende Reaktion darauf ist: halbe Einspeisung, halber Ertrag, und 2 Rappen sollen das aufwiegen? Das kann nicht aufgehen. Die Reaktion ist verständlich und sie ist falsch. Warum, lässt sich an einer Anlage zeigen, die wir 2023 in Biel gebaut haben und deren Monitoring seither läuft.

Was FlexPV50 genau ist

FlexPV50 ist ein freiwilliges Zusatzprodukt des ESB. Die Einspeiseleistung am Hausanschluss wird auf 50 Prozent der installierten Modulleistung begrenzt. Bei einer Anlage mit 14 kWp sind das 7 kW. Im Gegenzug vergütet der ESB für Anlagen bis 30 kWp jede eingespeiste Kilowattstunde mit 2,00 Rappen zusätzlich. Nicht nur die Menge, die durch die Begrenzung verloren geht, sondern jede.

Der Zuschlag ist nach Anlagengrösse gestaffelt und wird kleiner, je grösser die Anlage ist: ab 501 kWp sind es noch 0,30 bis 1,02 Rappen. Anlagen unter 3 kWp und Balkonkraftwerke sind ausgeschlossen. Voraussetzung ist ein Anschluss ans Niederspannungsnetz des ESB. Das Produkt lässt sich zusätzlich zur gewohnten Rücklieferung aktivieren, es ersetzt sie nicht.

Der Grund für das Angebot ist Netzentlastung. Die volle Leistung einer Photovoltaikanlage fällt an wenigen Stunden im Jahr an. Ein Verteilnetz so auszubauen, dass es genau diese Stunden aufnimmt, kostet unverhältnismässig viel. Es ist billiger, die Spitze abzuschneiden und die Betreiber dafür zu entschädigen.

Warum ein halber Deckel nicht den halben Ertrag kostet

Hier liegt der Denkfehler. Die Begrenzung gilt für die Leistung in Kilowatt, nicht für die Energiemenge in Kilowattstunden. Deine Anlage erreicht ihre Nennleistung nur bei günstigem Einfallswinkel, klarem Himmel und kühlen Modulen. In Biel sind das wenige Stunden an wenigen Tagen. Den grössten Teil des Jahres liegt die Momentanleistung ohnehin unter der Hälfte, und dann greift die Begrenzung gar nicht.

Verloren geht also nur die Spitze an schönen Sommermittagen. Wie viel das ist, hängt von Ausrichtung, Neigung und Verschattung ab. Bei einer nach Süden ausgerichteten Anlage ist es mehr als bei einer Ost-West-Anlage, deren Kurve über den Tag flacher verläuft.

Und hier kommt der Speicher ins Spiel: Was über der Grenze liegt, ist nur dann verloren, wenn es nirgends hin kann. Mit einer Batterie wandert es hinein und wird abends gebraucht. Aus der abgeschnittenen Spitze wird Eigenverbrauch.

Was die Zahlen einer echten Anlage zeigen

Die Anlage steht an der Schüsspromenade in Biel, auf einem Flachdach mit Kies: 36 Module Meyer Burger, 14,04 kWp, ein Fronius Symo 15, in Betrieb seit Mai 2023. Oben wird gewohnt, unten arbeitet ein Ingenieurbüro. Im Lauf von 2025 hat der Eigentümer einen Batteriespeicher mit 15 kWh nachgerüstet und auf FlexPV50 gewechselt.

Die Produktion aus dem Monitoring:

  • 2024: 12,47 MWh
  • 2025: 12,07 MWh
  • Januar bis September 2026: 9,94 MWh

Das Interessante steht nicht in diesen Zahlen, sondern in ihrer Aufteilung. 2024 wurde knapp ein Drittel des Stroms direkt im Haus gebraucht, der Rest ging ins Netz. 2026 ist es etwa die Hälfte. Gleiches Dach, gleiche Module, gleicher Wechselrichter. Der Unterschied ist der Speicher.

Was eine Kilowattstunde wo wert ist

Damit man das in Franken übersetzen kann, braucht es zwei Preise. Beide stammen aus den ESB-Preisblättern für 2026.

Was du bezahlst, wenn du Strom beziehst. Im Standardprodukt Seeland, Kategorie Classique, kostet die Kilowattstunde 25,38 Rappen ohne Mehrwertsteuer. Für einen Privathaushalt, der die Mehrwertsteuer nicht zurückfordern kann, sind es rund 27,4 Rappen. Darin stecken Energie, Netznutzung, Abgaben und die Förderabgabe. Dazu kommen fixe Kosten von 100 Franken Grundgebühr und 87 Franken Messtarif im Jahr, die sich aber nicht ändern, egal wie viel du verbrauchst.

Was du bekommst, wenn du einspeist. Für Anlagen unter 30 kWp vergütet der ESB den vom Bund quartalsweise publizierten Referenzmarktpreis, mindestens aber 6,00 Rappen. Dazu kommen 2,00 Rappen für den Herkunftsnachweis. Wie volatil das ist, zeigt dieses Jahr eindrücklich: Im ersten Quartal 2026 lag der Referenzmarktpreis bei 10,266 Rappen, macht mit Herkunftsnachweis 12,27 Rappen. Im zweiten Quartal fiel er auf 3,896 Rappen, die Mindestvergütung griff, und es blieben 8,00 Rappen. Mit dem FlexPV50-Zuschlag also 14,27 beziehungsweise 10,00 Rappen.

Die Differenz ist der ganze Punkt. Eine Kilowattstunde, die du selbst verbrauchst, ist rund 27,4 Rappen wert. Dieselbe Kilowattstunde eingespeist bringt je nach Quartal 10 bis 14 Rappen. Selbst verbrauchen ist also 13 bis 17 Rappen mehr wert. Pro Kilowattstunde. Jedes Mal.

Der Zuschlag ist nett, der Eigenverbrauch ist der Hebel

Rechnen wir es für die Anlage in Biel durch, in gerundeten Grössenordnungen und mit klar benannten Annahmen: rund 12'000 Kilowattstunden im Jahr, Eigenverbrauch von knapp einem Drittel auf die Hälfte gestiegen, Haushaltstarif Seeland.

Der FlexPV50-Zuschlag bringt auf etwa 6'000 eingespeiste Kilowattstunden rund 120 Franken im Jahr. Die zusätzlich selbst verbrauchten rund 2'400 Kilowattstunden bringen bei 13 bis 17 Rappen Differenz zwischen 310 und 410 Franken. Der Speicher ist also der grössere Hebel, mit deutlichem Abstand.

Das ist keine Abrechnung, sondern eine Überschlagsrechnung mit gerundeten Werten. Der genaue Betrag hängt vom gewählten Stromprodukt ab, von der Verteilung über die Quartale und davon, wie gut der Speicher tatsächlich gefüllt und geleert wird.

Und was wir hier bewusst nicht rechnen: ob sich der Speicher deswegen amortisiert. Dafür müsste man den Anschaffungspreis kennen, die Lebensdauer und die Entwicklung der Strompreise über zwanzig Jahre. Wer dir eine Amortisationszahl nennt, ohne diese drei Dinge zu benennen, rechnet nicht, sondern verkauft.

Ab 2027 zählt die Stunde, nicht das Quartal

Heute wird die Einspeisevergütung über einen Quartalswert abgerechnet. Ab 2027 gilt der stündliche Marktpreis. Das klingt technisch, ändert aber die Logik grundlegend.

Denn der Preis ist genau dann am tiefsten, wenn alle einspeisen: an sonnigen Mittagen. Wer heute die Mittagsspitze ins Netz schickt, bekommt dafür einen über das Quartal gemittelten Preis. Künftig bekommt er den Preis dieser Stunde, und der wird an solchen Tagen sehr tief sein. Umgekehrt ist der Bezug am Abend teuer, wenn die Sonne weg ist und alle kochen.

Was heute schon gilt, gilt dann noch stärker: Strom selbst zu brauchen ist mehr wert, als ihn zu verkaufen. Ein Speicher wird durch diese Umstellung nicht unwichtiger, sondern wichtiger.

Und die 70-Prozent-Regel?

Seit dem 1. Januar 2026 ist viel von einer Grenze bei 70 Prozent die Rede. Hier lohnt sich eine Präzisierung, weil sie oft falsch wiedergegeben wird.

Im Bundesrecht steht die Zahl 70 nicht. Die Stromversorgungsverordnung regelt in Artikel 19c, dass Netzbetreiber die Einspeisung ohne Zustimmung und ohne Entschädigung steuern dürfen, aber höchstens 3 Prozent der jährlich erzeugten Energie abregeln. Die 70 Prozent stammen aus einer Branchenempfehlung des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen, die für neu installierte Wechselrichter unter 1200 Metern über Meer eine feste Einspeisebegrenzung bei 70 Prozent empfiehlt. Verbindlich wird das über den Netzbetreiber, nicht direkt über die Verordnung.

Praktisch heisst das: Neue Anlagen mit Anschlussgesuch ab 2026 sind betroffen. Bestehende Anlagen erst dann, wenn ein neuer Wechselrichter eingebaut wird. Es gibt keine Nachrüstpflicht auf einen Stichtag. Anlagen unter 800 Watt sind ausgenommen. Und wichtig: Begrenzt wird die Einspeisung ins Netz. Eigenverbrauch und Speicherung sind nicht begrenzt.

Und wie verhält sich FlexPV50 dazu? Die beiden Grenzen gelten nicht nebeneinander. Bei FlexPV50 ersetzen die 50 Prozent die empfohlenen 70. Du wirst also stärker begrenzt als verlangt und dafür bezahlt, statt zusätzlich begrenzt zu werden.

Für wen sich das rechnet

Wenn du in Biel oder Umgebung am ESB-Netz hängst, lohnt sich die Rechnung vor allem dann, wenn dein Verbrauch nicht ohnehin schon mit der Sonne zusammenfällt. Wer tagsüber auswärts arbeitet und abends heimkommt, hat den grösseren Nachholbedarf als ein Betrieb, der genau dann arbeitet, wenn produziert wird.

Drei Dinge solltest du vor der Entscheidung klären:

  • Wie viel Leistung deine Anlage über der Grenze überhaupt produziert. Das steht in deinen Monitoringdaten, nicht in einer Broschüre. Bei einer Ost-West-Anlage ist es wenig, bei einer Südanlage mehr.
  • Ob dein Wechselrichter die Begrenzung kann und ob ohnehin ein Ersatz ansteht.
  • Ob ein Speicher DC-seitig nachrüstbar ist. Bei der Anlage in Biel sitzt er zwischen Modulen und Wechselrichter, der Fronius von 2023 blieb dadurch an Ort. Das spart den Austausch eines funktionierenden Geräts.

Wir schauen uns das gerne mit dir an, mit deinen Zahlen statt mit Durchschnittswerten. Mehr zur Anlage steht auf der Projektseite Schüsspromenade, mehr zum Thema Speicher unter Batteriespeicher und Eigenverbrauchsoptimierung.

Alle Angaben in diesem Beitrag stammen aus den ESB-Preisblättern 2026 und dem Verordnungstext, Stand September 2026. Tarife ändern quartalsweise. Wenn du diesen Beitrag später liest, prüf die Zahlen nach.

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